Die vollständige Examensarbeit ist 2018   
bei Oberstebrink/Burckhardthaus erschienen.
 
 
  
Liebe Leser,  
es geht um die Kinder!

Wie in meinem Lebenslauf erwähnt, habe ich im Jahre 1977 meine Examensarbeit zum Thema "Pappbilderbuch" geschrieben. Diese Arbeit umfasst etwa 100 Seiten und bildet noch heute die Grundlage für die Vorträge, die ich bei Seminaren des Buchhandels, an Universitäten oder auch bei meinen jährlichen Atelieröffnungen halte. Ich versuche hier in kurzer Form wenigstens einige Aspekte dieses Themas zu beleuchten.



Die Einstellung zum Kleinkind muss sich ändern!

Ausgelöst vor allem durch die Ergebnisse der PISA Studie sprechen wir heute, mehr denn je, von Bildungskrise und frühkindlicher Förderung. Nun ist es durchaus positiv, wenn eine Sache zunehmend ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Andererseits heißt das aber immer auch, dass sich ein Problem verschärft hat. Denken wir nur an die Umweltdiskussion und die aktuelle Lage unseres Planeten.

Da ich mich viel mit der Wahrnehmung kleiner Kinder beschäftigt habe, möchte ich Ihnen zunächst einmal etwas über diese erste, oft völlig unterschätzte und missverstandene Entwicklungsstufe des Menschen mitteilen.
Wir Erwachsenen haben meist nur wenige Erinnerungen an diese windelreiche Zeit der Abhängigkeit. Wir sind eher froh, dass wir diese Phase überwunden haben und unser Leben heute viel selbständiger führen können als damals.
Dass in diesem frühen Alter beispielsweise die Grundlagen für eine oder gar mehrere Sprachen gelegt werden, sei hier nur am Rande erwähnt. Allein dieses Beispiel zeigt aber, dass das kleine Kind offen, ungefiltert und voller Interesse alles Neue aufsaugt wie ein Schwamm. Diese Tatsache veranlasst die Psychologie zu der Aussage: "Die wesentlichen Prägungen eines Menschen finden in den ersten drei bis vier Jahren statt". Die Entwicklung des Gehirns verläuft gerade in diesem frühesten Alter äußerst rasant und lässt uns Erwachsene auch im übertragenen Sinne richtig alt aussehen.

Wir brauchen also eine ganz andere Einstellung zu diesen kleinen Krabbel-Kindern.
Begeben wir uns einmal in die Wahrnehmungssituation eines kleinen Kindes.



Die Situation eines Neugeborenen 

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Kino. Der Film ist in chinesischer Sprache - oder in irgendeiner Sprache, die Sie nicht verstehen. Obendrein huschen nur verschiedenfarbige Flecken über die Leinwand, von denen Sie nicht die geringste Ahnung haben, was diese bedeuten sollen. Und schon befinden Sie sich inmitten der Situation eines Neugeborenen, das keine Ahnung hat, was hier vor sich geht. Ihr Vorteil gegenüber dem Kleinkind ist aber immer noch, dass Sie wenigstens wissen, was ein "Kino", ein "Film", eine "Sprache", eine "Leinwand“ und "Flecken" sind, während das Kind all diese Denk-Begriffe überhaupt nicht zur Verfügung hat. Es hat bisher noch kaum Erfahrungen mit all den Dingen, von denen es umgeben ist. Wie aber macht das Kind diese Erfahrungen und lernt all diese "Begriffe", mit deren Hilfe es nach und nach dieses optische Durcheinander entknoten, unterscheiden und bedeuten kann?


Das "Begreifen" der Realität 

Das Wort "Begriff" sagt es schon. Das Kind "begreift durch Begreifen". Es nimmt die Dinge in die Hand, steckt sie in den Mund, drückt sie, zieht an ihnen und schaut, was sie aushalten, riecht an ihnen, hört auf ihre Geräusche und wirft sie auch mal durch die Gegend. Dadurch lernt es die Dinge zu unterscheiden. Sie alle haben unterschiedliche Formen, Eigenschaften, Oberflächen und Temperaturen ...

Denken Sie also bitte daran, liebe Eltern: Wenn Ihr Kleines bei der nächsten Gelegenheit Ihr bestes Porzellan inklusive Tafelsilber vom Tisch räumt, dann geschieht dies nicht mit böser Absicht. Ihr Kind lernt! Es macht wichtige Erfahrungen über die Dinge in der Welt und damit auch über sich selbst und seine eigene Stärke.


Bleiben wir noch beim Beispiel des Geschirrs!   

Das Kind lernt: In eine "Tasse" kann ich mit der Hand hineinlangen, durch den „Henkel“ kann ich meine Finger durchstecken. Die Tasse ist "dünnwandig", "glatt" und "tief". Wenn ich sie auf den Boden werfe, macht es "klirr" - und meine Eltern reagieren genervt. Alle diese Eigenschaften zusammen machen also eine "Tasse" aus.
Beim danebenliegenden "Löffel" verhält sich die Sache ganz anders. Ihn kann ich richtig umgreifen und in den Mund schieben. Der Löffel hat einen langen "Griff" und nur eine kleine, flache Vertiefung, eine "Mulde". Er fühlt sich "kleiner", "kälter" und "leichter" an als die Tasse und ist damit folglich "irgendetwas anderes". Wenn ich diesen Gegenstand wegwerfe, klingt es heller als bei der Tasse - und meine Eltern reagieren nicht ganz so genervt! 

Diese Wahrnehmung nennt man "taktil", was nichts anderes als "berührend, begreifend" heißt. Sie ist konkret, da sie an die Dinge gebunden ist und ganzheitlich, da sie die Dinge in ihrer Gesamtheit "umfasst". 




Die visuelle Wahrnehmung 

Aus all diesen taktilen Erfahrungen entwickelt sich schrittweise die visuelle Wahrnehmung. Das Kind hat bereits z.B. mit einer Tasse so viele Greiferfahrungen gemacht, dass es diese erkennt, ohne sie unbedingt anfassen zu müssen. Die visuelle Wahrnehmung steht damit auf einer abstrakteren Stufe als die taktile und gewinnt mit zunehmendem Alter mehr und mehr die Oberhand. Je alltäglicher und affektbesetzter eine Sache ist, desto früher wird sie rein visuell erkannt.
Untersuchungen haben gezeigt, dass das Gesicht der eigenen Mutter schon kurze Zeit nach der Geburt rein visuell wiedererkannt wird, da es in extrem hohem Maße mit Affekten, also mit Zuneigung besetzt ist. Dieses Beispiel macht deutlich, dass es kaum möglich ist, den schleichenden Übergang von taktiler zu visueller Wahrnehmung zeitlich genau festzulegen. Tatsache ist jedoch, dass durch vielerlei Greiferfahrungen die visuelle Wahrnehmung und in der Folge auch die Intelligenz gefördert werden.
Geben Sie also Ihrem Kind ruhig die verschiedensten, natürlich ungefährlichen Dinge in die Hand, das kann nur förderlich sein!
So ist das Kind auf dem besten Wege, seine Umgebung Stück für Stück zu erkennen und unterscheiden zu lernen, und das klappt zunehmend besser bis...

...bis eine zweidimensionale Abbildung auftaucht. Und selbst wenn die abgebildeten Gegenstände noch so bekannt und affektbesetzt sind, so treten doch teilweise erhebliche Schwierigkeiten auf, das Abbild des realen Gegenstandes zu erkennen.    
 

Das erste Bild oder: "Noch einmal von vorn!" 
 
 
 
Auf der ersten Doppelseite meines Buches mit dem Titel "Meine ersten Sachen" sind ein Löffel und eine Tasse zu sehen. Das ist für einen Erwachsenen klar. Für ein kleines Kind ist es das aber keineswegs! Hier treten folglich auch die gravierendsten Missverständnisse auf, da sich kaum ein Erwachsener vorstellen kann, wo denn hier ein Problem sein soll. 

Aber Sie sind inzwischen schon etwas informiert und sensibilisiert:
Denken Sie einfach mal daran, was wir über die sog. "taktile Wahrnehmung" bereits wissen. 

Für die Unterscheidung und das Erkennen der realen Dinge war ja bisher vorrangig all das entscheidend, was man durch Greifen erfahren konnte.
Nun aber ist die Situation eine komplett andere: Der Löffel fühlt sich plötzlich genauso platt an wie die Tasse und man kann ihn weder umgreifen noch in den Mund stecken. In diese Tasse kann man nicht hineinlangen, durch den Henkel keinen Finger mehr stecken. Alles ist gleich platt und glatt. Damit ist aber auch alles, was das Kind bisher über die Dinge um sich herum erfahren hat, nicht mehr vorhanden. Die bisherigen Unterscheidungskriterien sind plötzlich nicht mehr brauchbar.


Der Schritt von der "Natur zur Kultur"

Der Schritt von der dreidimensionalen Realität zum zweidimensionalen Bild muss eigens gelernt werden. Das Anfertigen und Erkennen einer Abbildung ist nämlich kein natürlicher, sondern ein kultureller Prozess. Das Kind muss nun also völlig neu erlernen, dass das Abbild eines Gegenstandes für einen realen Gegenstand steht. Das so genannte "Bildzeichen" einer Tasse steht also für eine echte, richtige Tasse.

Eine weitere Abstraktionsstufe ist schließlich die Schrift. Bei ihr stehen anstelle der realen Dinge nur mehr völlig abstrakte Schriftzeichen. Damit wird klar, dass das Erlernen der "Bildzeichen" die Grundlage für das spätere Erlernen der "Schriftzeichen" darstellt.
Oder einfach ausgedrückt:
Das "Lesen" von Bildern ist die Vorstufe des Lesens von Texten. Damit wird klar, dass ein frühzeitiger, spielerischer Kontakt mit "geeigneten" Bildern das spätere Lesenlernen wesentlich erleichtert und fördert.



Die Rolle des Bilderbuchautors als Vermittler


Um den kleinen Kindern diesen an sich schon riesigen Abstraktionsschritt von der Realität zum Abbild möglich zu machen, habe ich in meiner Arbeit immer versucht, den Schritt wenigstens so klein wie möglich zu halten.
Das ist mit ein Grund, warum in meinen Büchern so realistisch gezeichnete Dinge und detailreiche Situationen zu finden sind. Besonders wichtig war mir dabei immer die Darstellung der Materialien, da die Kinder in ihrer taktilen Phase reiche Erfahrungen mit eben diesen machen. Die zahlreichen positiven Erfahrungsberichte von Eltern bestätigen hier meine Arbeit in besonderem Maße. Ich scheine somit einen wesentlichen Punkt getroffen zu haben.


Daneben gibt es aber auch jede Menge Zeichner und Verlage, die die bisher beschriebenen Wahrnehmungsprobleme der Kinder nicht kennen oder auch gar nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Für viele Buchautoren steht an erster Stelle, sich als Künstler verwirklichen zu können. Sie haben deshalb für irgendwelche Einschränkungen ihrer künstlerischen Freiheit überhaupt keinen Sinn. Andere wiederum machen sich keinerlei Gedanken. Für sie ist das alles nicht so wichtig oder gar dummes Zeug.
Die Verlage wiederum reagieren vor allem auf die Gesetze des Marktes, und die Kunden kaufen die volle Breite des Angebotes, was von Verlagsseite natürlich gerne gesehen wird. Wer hat also hier Interesse daran, überhaupt etwas zu ändern und warum? 
Wer will sich freiwillig beschränken, irgendwelchen Erkenntnissen folgen oder gar nachgefragte Marktsegmente nicht bedienen? Niemand!



Hören wir doch einfach mal den Kindern zu!


Ich beschränke mich im Folgenden auf zwei Bildbeispiele von Dick Bruna. Seine Bücher sind schon sehr lange auf dem Markt und wurden international in riesigen Stückzahlen verkauft. Damit Sie nun nicht denken, es handele sich bei ihm um ein vergangenes Phänomen, so sei Ihnen gesagt, dass es gerade momentan in Holland, dem Geburtsland des Autors, wieder als schick gilt, Brunas Bücher an die Kleinsten zu verschenken. Ich habe ihn als Stellvertreter einer konsequent abstrahierten Darstellung gewählt, von denen es im Buchhandel nur so wimmelt. Die süßen "Mausi-Bücher" von Lucy Cousins könnte ich unter diesem Aspekt hier ebenso nennen.


Ich ging also damals in mehrere Kindergärten und befragte 50 Kinder im Alter zwischen drei und dreieinhalb Jahren, was auf den Bildern verschiedener Bilderbücher so alles zu sehen sei. Zuvor sollten Sie noch wissen, dass Dick Brunas Bücher inhaltlich für Ein- bis Zweijährige gedacht sind. Dreijährige Kinder sind sehr wohl in der Lage, weitaus komplexere Sachverhalte zu erkennen, und die Benennung solch einfacher Dinge wie hier ist im Normalfall ein "Kinderspiel". 

Aber folgendes passierte:
 

 
Von 50 befragten Kindern sagten zum  Bild mit dem Opa:
1x lieb,   1x Uhr,   1x Tasche,   2x Teller,   2x Mond,   2x Ohr,   3x Ball,   3x Puppe,   3x Mama,   4x Papa,   4x Onkel,   5x Mann,   11x Spiegel, 5x weiß ich nicht.....  

    

...und den Tisch, einen zentralen Gegenstand also, erkannten genau 25 Kinder.
Die restlichen Antworten waren:
  2x Turm,    3x Bank,    4x sitzen,    8x Haus,  und   7x weiß ich nicht....


Auf die Detailfrage nach dem gelben Knopf der Schublade kamen die folgenden Antworten:
5x Loch,   4x gelb  und   41x nichts.



Was ist denn bloß - mit diesen Kindern los?

Natürlich gar nichts. Sie reagieren völlig normal. Sie sehen lediglich nur das, was tatsächlich zu sehen ist. Wir Erwachsenen wissen selbstverständlich, welche Dinge dargestellt sind - und genau deshalb entsteht ein Missverständnis.
Das Kind kennt die Bedeutung all dieser vielen Bildzeichen eben noch nicht, weil es die "Begriffe" dafür noch gar nicht hat, sondern erst bilden muss. Und so sieht es nur das, was tatsächlich da ist: Linien und Farben. Diese versucht es dann nach seiner individuellen Vorstellung irgendwie zu deuten. Daraus entstehen dann all diese unterschiedlichen und oft falschen Ergebnisse.

Versuchen Sie doch bitte mal selbst, in die Kinderrolle zu schlüpfen, indem Sie Ihr Wissen so weit wie möglich ausblenden und so tun, als hätten Sie keine Ahnung, was auf dem Bild gezeigt ist. Im Nu werden Sie dann das sehen, was tatsächlich zu sehen ist: Ein Haufen Linien und verschiedene Farbflächen.Was aber heißt das nun konkret?

 

 
Aus einem (vielleicht?) glänzenden Nagel aus Metall, der von der Wand absteht, wird ein schwarzer, senkrechter Strich mit einem Punkt. Die (vielleicht?) helle, gedrehte Schnur wird zum schwarzen Strich, der (vielleicht?) hölzerne Rahmen des Bildes zur schwarzen Fläche, der Pullover aus Wolle (?) oder vielleicht das Sakko aus Leinen (?) ebenfalls. Die Gesichtsfarbe wird zu weiß, die Nase und der Mund zu schwarzen Häkchen, die Augen sind schwarze Punkte, die Haare dicke, schwarze Striche, die Ohren fehlen ganz und im Rahmen fehlt das reflektierende Glas.
All diese Reduktionen sind für die Kinder sinnlos und wenn überhaupt, dann nur schwer zu erkennen. Obendrein handelt es sich hier um ein Bild im Bild, eine doppelte Abstraktion also. Auch daraus erklärt sich die Fehlerquote von 100%.
 

Auch der Tisch, der ja bekannter nicht sein kann, wurde in seiner abstrahierten Flächigkeit nur von der Hälfte der dreijährigen Kinder erkannt. Das Detail des Schubladenknopfes (ohne die dazugehörige Schublade) macht das Problem der Darstellung noch mal so richtig deutlich. Nun glauben Sie aber bitte nicht, dass sich die Wahrnehmung der Kleinkinder in den letzten 30 Jahren entscheidend geändert hätte. Die kleine Lucy wird bald vier und hat, obwohl ihre Füße an meinen Arbeitstisch gelehnt waren, im Jahre 2009 zu diesem roten Tisch gesagt: "Ich weiß nicht, was das ist!"  
Nochmal: 

Das Kind kommt vom konkreten Begreifen der Dinge. Allein der Schritt von der Realität zum Abbild bedeutet für das Kind schon solch eine riesige Abstraktion, dass sie nicht noch durch eine abstrakte Darstellung künstlich vergrößert werden darf. Die Kinder machen da nicht mit!

Derartig reduzierte Darstellungen bringen aber nicht nur für eine differenzierte Wahrnehmung absolut nichts, sie sind noch aus anderen Gründen kontraproduktiv und sogar schädlich!

Wie soll das Kind denn lernen, differenziert zu sehen und sich eine differenzierte Vielzahl von Begriffen anzueignen?
Das Kind kennt eben, um bei obigem Beispiel zu bleiben, all die verschiedenen Begriffe und Bildzeichen von "Nagel, Metall, Schnur, Rahmen, Holz, Pullover, Wolle, Sakko, Leinen, Nase, Mund, Ohren, Augen, Haaren" und spiegelndem "Glas" noch nicht, und hier lernt sie diese auch nicht kennen! Genau diese Begrifflichkeiten benötigt das Kind aber, um die Beziehung vom realen Gegenstand zu seinem Bildzeichen herzustellen. Hier werden Chancen vertan! 

 


In diesen und ähnlich abstrahierten Bildern heißen die Beziehungen von realem Gegenstand zu seinem Bildzeichen: 

Nagel = Strich, Schnur = Strich,   Pullover = schwarze Fläche, Rahmen = schwarze Fläche u.s.w.... An solchen Bildern können, wie gesagt, kaum Begriffe ausgebildet werden.
In der Tat reagierten die Kinder im Kindergarten darauf instinktiv, indem sie dieser "Kunst für Erwachsene" ihre Anteilnahme verweigerten und sie teilweise sogar in die Ecke pfefferten.

Die frühe Begegnung mit dem Medium Buch war damit aber negativ. Ich möchte mir nicht ausdenken, welche Auswirkungen diese schlechte Erfahrung auf das spätere Leseverhalten haben könnte. Man erinnere sich:
"Die wesentlichen Prägungen des Menschen finden in den ersten 3-4 Jahren statt." 



Was ist denn bloß - mit den Erwachsenen los?

Nicht wenige Erwachsene meinen nun, es sei doch gar nicht so schlimm, wenn die Kinder etwas anderes erkennen als die Abbildung zeigt. Ganz im Gegenteil: die Phantasie der Kinder würde doch dadurch eher angeregt! Das macht doch nichts, wenn anstatt eines Bildes ein Ball erkannt wird.Ausserdem seien doch für dieses Alter die Farben das Wichtige! Dies klingt dann oft so, als ob eine differenzierte Art der Darstellung überhaupt keine Farben benutzen würde. (In Wahrheit benutzt sie diese nur weit differenzierter und in größerer Fülle).
Auffallend oft kommen derartige Äußerungen gerade von "gebildeter Seite", häufig von intellektuellen, durchaus belesenen, kunstbeflissenen Leuten und sogar von Kollegen, die einen direkten Angriff auf ihre eigene künstlerische Arbeit wittern.
Meist sind solche Leute aber schlicht und einfach nicht fähig, in die Rolle eines kleinen Kindes zu schlüpfen. 
Sie gehen allesamt nur von sich selbst und ihrem eigenen Wissen aus und haben nicht die Phantasie, sich vorzustellen, dass ein Kind gerade dieses Wissen noch nicht hat. An Stelle dessen hat es aber eine immense natürliche Wissbegierde und diese gilt es als Erwachsener anzuerkennen und zu befriedigen. 
Apropos Phantasie: Oft haben Erwachsene selbst nicht die Phantasie sich vorzustellen, dass Kinder auf die intellektuell beschränkte Phantasie Erwachsener in keinster Weise angewiesen sind.
Nachdem wir all diese Einwände letztendlich als Egoprobleme der Erwachsenen entlarvt haben, können wir uns endlich wieder mit Wichtigerem beschäftigen, mit den Kindern.
 

Wozu ist die Bildung von Begriffen nötig?

Welche Begriffe und Bildzeichen werden dem Kind durch künstlerisch reduzierte Darstellungen denn überhaupt vermittelt? Vielleicht einige wenige, auf keinen Fall aber eine differenzierte Vielfalt. Was heißt das nun konkret?

Zeichne ich kein "Holz", so kann ich das Bildzeichen und damit auch das Wort  "Holz" nicht aktiv ausbilden. Zeichne ich keine "Maserung", so habe ich auch hier weder das Bildzeichen noch das Wort "Maserung" zur Verfügung, u.s.w...

Eine detaillierte Zeichnung fördert eine detaillierte Sprache, die auf einem grossen und genauen Wortschatz beruht. Nur mit einer differenzierten und reichhaltigen Sprache kann das Kind seine Realität, sowie seine Befindlichkeit, besser beschreiben.
Aus gutem Grund hat z.B. jeder Berufsstand eine Vielzahl von speziellen Begriffen, ohne die seine Tätigkeit und auch eine Kommunikation darüber völlig undenkbar wäre. Denken wir an einen Schreiner, der zwischen 20 Holzarten wählt, deren Namen er natürlich wissen muss oder einen Bäcker, der eine Vielzahl verschiedener Brote bäckt, die alle verschiedene Namen haben und deren Herstellung natürlich unterschiedlich abläuft. Ich denke da auch gerne an den Computerfreak, der nicht nur den Unterschied zwischen einer Schnittstelle und einer Festplatte kennt, sondern zu meinem Leidwesen auch gleich noch hundert andere Fachbegriffe nachschiebt. 



Die nächste und größere Dimension

Die ganze Angelegenheit hat aber noch eine viel weitreichendere Dimension. Leider zeigt sich, dass wir nur das zu schätzen in der Lage sind, was wir auch kennen.
Nehmen wir an, wir wissen nicht, dass der Vogel, der da gerade vorüberfliegt, ein Spatz ist. Wir haben beispielsweise nur den allgemeinen Begriff "Vogel", aber kein Wort speziell für ihn. Dann fällt es uns auch logischerweise nicht auf, wenn dieses Tier von der Bildfläche verschwunden ist. 

Gehen Sie doch mal mit einem Pflanzenkenner über eine Wiese. Für Sie als normaler Spaziergänger ist die Wiese mehr oder weniger grün. Sie fühlen sich zwar wohl in der Natur, sind durchaus naturliebend, aber trotzdem erkennen Sie in einer Wiese nicht viel anderes als eben eine Wiese.
Das Wiesenschaumkraut oder die Lichtnelke, der Huflattich oder was weiß ich, fällt Ihnen aber nur dann auf, wenn Sie diese Pflanzen kennen, das heißt, wenn Sie eine nähere Beziehung zu ihnen aufgebaut haben. Dafür benötigen Sie aber eine Vielzahl von Begriffen, denn sie müssen die einzelnen Pflanzen benennen und voneinander unterscheiden können. Erst dann haben Sie eine realistische Chance, sich die Pflanzen überhaupt zu merken. Je mehr Begriffe Sie dabei zur Verfügung haben, desto differenzierter und auch kreativer können Sie die Realität wahrnehmen und beschreiben. Kennen wir aber, wie gesagt, den Huflattich nicht, dann berührt uns sein Verschwinden auch nicht.
Und dies ist die eigentliche Katastrophe. Ohne differenzierte Begriffe leidet unsere seelische Beziehung zur Außenwelt.
Und wen, glauben Sie, brauchen wir, wenn die menschliche Art überhaupt eine Chance haben soll, diesen Planeten weiterhin zu bewohnen? Leute mit differenzierten Gehirnen und differenzierter Ausdrucksfähigkeit, oder Leute, die lediglich über eine Hand voller Gehirnschaltungen verfügen? Leute, deren unreife emotionale Beziehungen sie nur an ihre eigenen Interessen denken lassen und deren Horizont exakt an ihrem Gartenzaun endet?
Oder brauchen wir Menschen mit ausgebildeten, kreativen, vernetzten Gehirnen, die dadurch komplexere Probleme zu lösen in der Lage sind....   

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich

Helmut Spanner